Totenkleidung

Aus Wiki: Tod - Bestattung - Trauer
Wechseln zu: Navigation, Suche

Totenkleidung

Begriff

Zahlreiche Begriffe bilden die Gepflogenheit ab, einen Leichnam mit Textilien auszustatten. In christlich geprägten Kulturen ist zum Beispiel vom Leichentuch, vom letzten Hemd, vom Totenhemd oder -gewand die Rede. Der Begriff Totenkleidung führt die Begriffe "Tote" und "Kleidung" zusammen und verweist auf die enge Beziehung zwischen Körper und Kleidung. Es geht um tote Körper respektive um Tote, die anlässlich ihrer Bestattung inszeniert werden. Jede Körpermodifikation (Haar, Haut, Nägel, Assesoires, Duft) lässt sich im weiten Sinne als eine Art Kleidung denken. Die Totenkleidung korrespondiert mit der Ausstattung von Sterbebett, Aufbahrungsort, Sarg und Sarggarnituren.


Bedeutung und Funktion

Zur Bedeutung und Funktion von Totenkleidung kursieren zahlreiche Mythen. Sie verhindere Wiedergänger, heißt es; sie ebne den Weg ins Paradies oder kleide für das Jenseits ein. Totenkleider stellen kollektive Vorstellungen von Tod, Körper, Natur und Geschlecht aus. Abhängig von der jeweiligen Kulturepoche regeln sie den Übergang vom Leben zum Tod, schaffen sinnlich-anschauliche Erinnerungsbilder und geben Hinweise auf das Verhältnis der Gesellschaft zum Leichnam. Als traditionelle Funktionen lassen sich das Wärmen und Schmücken des Leichnams anführen sowie das Bedecken von Nacktheit. Die Volkskunde gilt als Vorreiterin der Textil-, Bekleidungs- und Kostümforschung in der Entwicklung einer Kulturanthropologie des Textilen. Volkskundliche Forschung spürte Totenhemden zunächst in vorreligiösen Riten, im Bäuerlich-Ländlichen und im Volksglauben von vorindustriellen Gemeinschaften auf. Sie beleuchtet die Totenkleidung als Ritus von Adel und Klerus und schließlich als einen weit verbreiteten säkularisierten Ritus. Eine systematische Kulturgeschichtsschreibung zur Totenkleidung steht noch aus. Sie ist als Gegenstand industrieller Massenkultur nicht angemessen wahrgenommen. Totenkleidung lässt sich ihres spezifischen Entstehungs- und Verwendungszusammenhangs wegen nicht ohne Weiteres unter vorliegende Befunde subsumieren. Das häusliche Einkleiden, Waschen und Aufbahren gilt als ein brauchtümlich geprägtes, christliches Wunschbild des würdigen Umgangs mit dem Leichnam. Das weiße Totenhemd kann als Zeichen des Taufbekenntnisses gedeutet werden. Bis heute gibt die Farbe Weiß dem Leichnam den Anschein von Reinheit. Aus anthroposophischer Sicht soll Kleidung und Sargausstattung aus dem Weltlichen hinaus- und die Vergeistigung hineinführen. Bis zu den 50ern des 20. Jahrhunderts stellte die von der Bestattungsbranche angebotene Wäsche vor allem den sozialen Status aus. Heute geht es mehr um eine letzte Charakterisierung Verstorbener. Vereinzelt werden Leichenhemden aus einem künstlerischen Ansatz heraus entworfen. Sie wollen sich bewusst von der gängigen Tageskleidung absetzen und den besonderen Status des Leichnams als weder Mensch noch Ding unterstreichen. Aktuellen Ratgeberliteraturen zufolge erleichtert es das Abschied nehmen und Trauern, wenn die Hinterbliebenen den Leichnam selbst einkleiden. Trauer- und Erinnerungspraktiken beziehen neben zeitfesten Materialien wie Stein vermehrt körpernahe, weiche und zeitlich nicht konsistente Materialien ein. Persönliche Kompetenzen in letzten Kleiderfragen scheinen sich zu einer Kulturtechnik der Selbstsorge zu entwickeln. Manche wollen mit ihrer Totenkleidung bestimmte letzte Botschaften vermitteln. Andere möchten sich bestimmten Konventionen verweigern oder auch im Tod schön sein. Einigen verspricht das selbstgewählte Ensemble das Gefühl, ganz bei sich zu sein. Unabhängig von einer möglichen Aufbahrung werden Totenkleider zu Hause vorgehalten oder in Bestattungsinstituten hinterlegt.


Kulturgeschichte

Der Ursprung des europäischen Totenhemds scheint in der jüdischen Weltanschauung zu liegen. Hier waren traditionell weiße, geschlechtsspezifisch zugeschnittene Leinentücher - Tachrichim genannt - gebräuchlich. Im westeuropäischen Mittelalter wurde der Leichnam oft in ähnliche Tücher gewickelt bzw. eingenäht. Von Totenkleidung im engeren Sinne kann erst seit dem 14. Jahrhundert gesprochen werden. Das bisher am Körper fixierte Tuch entwickelte sich aufgrund individueller Zuschnitte zu körpernahen Kleidungsstücken, etwa zu kittelartigen Totenhemden. In eigener Kleidung/Sarg begraben zu werden dürfte der Masse der Bevölkerung bis zum 18. Jahrhundert vorenthalten gewesen sein. Zahlreiche Museen zeigen herrschaftliche Totengewänder aus Grabfunden und pflegen sie als aus Ausweis einer regionalen Identität und von Herrschaftsgeschichte. Seit den 80ern thematisieren Museen und Künste vermehrt urbane oder ländliche Entwicklungen, ökonomische, politische und technologische Verhältnisse sowie konfessionelle Prägungen des Totenkults.

Die zunächst von Mieder- und Wäschewarenerzeugern angebotenen Totenkleider formten das Bild von schlafenden Toten. Die vor allem hygienischen und dekorativen Zwecken dienende Sarg(bett)wäsche ergänzte das Erscheinungsbild. In Krisenzeiten erforderte die Totentoilette der breiten Masse Imitate aus Papier. Zeitgleich mit dem Aufkommen der konfektionierter, gewerblich vertriebener und industriell produzierter Kleidung im 19. Jahrhundert traten preisgünstige konfektionierte Totenhemden auf den Markt. Brauchbare Kleidung war zuvor oft viel zu dringend benötigt, als das sie den Toten überlassen werden konnte. Das kreuzförmige Hemd ist neben Umhang und Hose eine der ersten typisierten Bekleidungsform.

Kostümhistorische Forschungen diskutieren Zusammenhänge zwischen der Kulturgeschichte von Kleidung und Trauer und zwischen der Kleidung von Leichnam und Trauernden. Aus dieser Sicht artikulieren Trauerausdruck, Todesbewältigung und modische Kleidung stets epochenspezifische, ideell innere Verbindungen. In einer seit dem 16. Jahrhundert zunehmend diesseitsorientierten und individualisierten Gesellschaft galt es, den festlichen Charakter des Abschieds zu unterstreichen. Totenkleidung bediente mehr und mehr die menschliche Schaulust und entzog zugleich den konkreten toten Körper dem Blick. Dies steigerte sich für gut Betuchte im barocken 17. Jahrhundert zu theatralen Textilorgien und ging im 18. Jahrhundert in romantische Verklärungen des Todes über. Sozialreformerische pragmatische Gegenbewegungen suchten alsbald auch das Einkleiden von Toten zu steuern. Im Zuge von Demokratisierung, Industrialisierung und Bürokratisierung des reformfreudigen 19. Jahrhunderts ahmten niedrigere Schichten die Trauer- und Abschiedspraxis der höheren Klassen nach. Es entstanden statusbezogene, geschlechtsspezifische Kleiderordnungen für die nun stärker in der Öffentlichkeit gelebte Trauer. Die weibliche Trauerkleidung zählte samt Zubehör zu den Vorreitern konfektionierter Kleidung. Bis heute greift die Bestattungswäscheindustrie westeuropäischer Staaten auf Entwürfe dieser Zeit zurück: Eine mit Aufputz versehene festliche Bluse für die Dame, ein im Stil des Anzugs entworfenes Hemd mit Binder für den Herrn. Seit einiger Zeit fächert sich das Repertoire weit auf, es entspricht den Gütemerkmalen der "Gütegemeinschaft Bestatterwäsche" (Verband der Deutschen Bestatterwäscheindustrie). Im Bestattungsrecht zahlreicher Bundesländer dürften sich Vorgaben zur Totenkleidung finden, die schwer Verrottbares untersagen. Das Feuerbestattungsgesetz (1934) schließt - Länderrecht übergreifend - solche Materialien aus, deren Verbrennung Schadstoffe freisetzt. Die Notwendigkeit solcher Vorgaben ist umstritten. Die Begräbnispraxis gibt häufig den Bedürfnissen von Verstorbenen bzw. Trauernden den Vorrang. Traditionell waren Brauch-Requisiten konfessionell und regional gestaltet und per Kleiderordnung geprägt. Die bürgerlich formelle Totenkleidung in Form des festlichen Kleids, des guten Anzugs wird nun zunehmend durch das Lieblingskleidungsstück verdrängt. Es entstehen Outfits, die banal wirken und deutlich persönliche Verhältnisse zur Mode spiegeln können. Kritische Stimmen sehen hierin eine bedenkliche Profanisierung. Die Totenkleidung steht in einer engen Beziehung zur Geschichte des Sehens, der ästhetischen Wahrnehmung, der Textilindustrie und der Mode. Mit dem Wandel der Seh- und Konsumgewohnheiten verändert sich unter dem Einfluss der Textilindustrie der Totenkult und damit auch die Totenkleidung.

Literaturnachweis

Bönsch, Annemarie, 1992: Leichenkleidung-Trauerkleidung. In: Museum Österreichischer Kultur (Hg.): Triumph des Todes. S. 83-106.

Brückner, Wolfgang, 2000: Sterben im Mönchsgewand. In: Derselbe: Menschen und Moden: Bekleidungsstudien zu Kommunikationsweisen. Bayerische Blätter für Volkskunde, Würzburg

Pieske, Christa et al, 1983: Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860 - 1930. Berlin.

Eicher, Joanne B. et al, 1992: Definiton and Classification of Dress. Implications for Analysis of Gender Roles. In: Barnes, Ruth & Eicher, Joanne B. (Hg.): Dress and Gender: Making and Meaning in Cultural Contexts. S. 8-28.

Ellwanger, Karen, 1992: Mobilität in der Bekleidung I. Mobilität und Geschwindigkeit in der Modetheorie der Moderne. In: Bettina Heinrich u.a. (Hg.): Gestaltungsspielräume. Frauen in Museum und Kulturforschung. Tübinger Verein für Volkskunde. Tübingen, S. 161-176

Martius, Sabine et al, 2002: Historische Textilien. […], Nürnberg.

Metken, Sigrid, 1984: Zeremonien des Todes. Sterberiten und Trauergepränge in München und Oberbayern. In: dies. (Hg.): Die letzte Reise. Sterben, Tod und Trauersitten in Oberbayern. München, S. 72 - 95.

Hoefer, Natascha, 2010: Schwermut und Schönheit. Als die Menschen Trauer trugen, Düsseldorf.

Helmers, Traute, 2010: Dem Tod ein neues Kleid. [...]. In: Ellwanger, Karen et al: Das "letzte Hemd". Zur Konstruktion von Tod und Geschlecht in der materiellen und visuellen Kultur. Bielefeld, S. 67-104.