Sargpflicht

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Definition

Sargpflicht oder Sargzwang ist die Verpflichtung, menschliche Leichen in einem Sarg zu bestatten oder einzuäschern. 1

Derzeitige Sach- und Rechtslage

Diese Verpflichtung ist in einigen Landesbestattungsgesetzen ausdrücklich festgeschrieben, in anderen wird sie stillschweigend vorausgesetzt. 2 Insbesondere aufgrund der Rücksichtnahme auf die religiösen Vorstellungen einiger moslemischer Gruppierungen, wonach die Bestattung in einem Leichentuch stattzufinden hat, werden in immer mehr Bundesländern Ausnahmen von der Sargpflicht zugelassen. In Nordrhein-Westfalen soll nach einer weit verbreiteten Meinung die Sargpflicht bereits abgeschafft worden sein. 3 Zum Teil wird jedoch angenommen, dass die Sargpflicht auch in NRW noch besteht. 4

Argumente pro und contra Sargzwang

Als Argumente für den Sargzwang werden im Wesentlichen genannt:

  1. die Tradition,
  2. die Menschenwürde,
  3. hygienische Gründe,
  4. eine bessere Verwesung aufgrund des im Sarg befindlichen Sauerstoffs

Im Einzelnen kann hierauf erwidert werden:

Tradition

Historisch betrachtet war der Holzsarg in Europa zwar bereits im 9. Jahrhundert bekannt, er konnte sich er jedoch erst Ende des 16. Jahrhunderts durchsetzen. Allerdings konnten sich zunächst nur wohlhabende Menschen Bestattungen im Sarg leisten. In Süddeutschland war eine sarglose Bestattung in manchen Gebieten noch bis ins 19. Jahrhundert üblich. Es handelt sich damit bei der Sargbestattung zwar um eine Jahrhunderte alte Tradition, noch älter und weiter verbreitet war bis vor gar nicht langer Zeit jedoch die Tradition der sarglosen Bestattung. Auch nach christlichem Verständnis bzw. aus der Bibel lässt sich ein entsprechendes Gebot/ eine entsprechende Tradition nicht herleiten, Jesus selbst wurde schließlich laut der Überlieferung nicht in einen Sarg beigesetzt. Es ist anzunehmen, dass u.a. die Hygienevorstellungen zu der weiten Verbreitung der Sargnutzung und später der Sargpflicht geführt haben.

Menschenwürde

Es ist davon auszugehen, dass es der Menschenwürdenicht widerspricht, eine sarglose Bestattung zuzulassen, jedenfalls dann nicht, wenn es dem Willen des Verstorbenen entspricht. „Menschenwürde ist ein Begriff, der durch zweieinhalbtausend Jahre Philosophiegeschichte gegangen ist und in verschiedenen philosophischen Traditionen verschiedene Gestalt gewonnen hat. Von Menschenwürde redend, findet man sich sogleich in einer bestimmten philosophischen Tradition wieder“.5 Dabei sind zwei gegenläufige sich aber auch ergänzende Theorien bedeutsam. Die erste besagt, dass der einzelne selbst bestimmt, was seine Würde ausmacht; die zweite geht eher von einer objektiven Grenze aus. Die erste Theorie ist dort ungenügend, wo der einzelne handlungs- oder willensunfähig und zur Identitätsbildung außerstande ist.6 Die Menschenwürde stellt eine Tabugrenze dar. Die Gesellschaft ist sich einig, dass gewisse Weisen des Umgangs der öffentlichen Gewalt mit dem Menschen schlechterdings unerträglich sind. Dies bedeutet, dass eine positive Definition kaum möglich ist, sondern die Frage, was schlechterdings unerträglich ist, anhand des jeweiligen Einzelfalls angesichts des fraglichen Eingriffs beurteilt werden muss. Das Bundesverfassungsgericht hat hierzu – wiederum sehr unbestimmt – mit der sogenannten „Objektformel“ formuliert, dass es der Würde des Menschen widerspricht, ihn „zum bloßen Objekt des Staates“ zu machen.7

Solange der Bürger selbstbestimmt und frei seinen Willen dahingehend geäußert hat, ohne Sarg bestattet zu werden, wird er nicht zum bloßen Objekt degradiert. Vielmehr wird im Gegenteil der Würde des Menschen gerade erst durch die Ermöglichung der willensgemäßen Bestattung Genüge getan. Es wäre überdies vermessen, die sarglose Bestattung grundsätzlich als unwürdig zu bezeichnen, da man damit die eigene Kultur über die Kultur verschiedener anderer Nationen/ religiöser Gruppierungen erhebe, ja sogar die religiöse Überzeugung vieler als menschenunwürdig degradieren würde.

Die Grenze zum Eingriff in die Menschenwürde würde wohl erst dann überschritten, wenn z.B. der Staat ohne oder gegen den Willen des Verstorbenen im Rahmen von ordnungsbehördlich veranlassten Bestattungen eigenmächtig die Bestattung aus Kostenersparnisgründen ohne Sarg vornimmt. Denn die derzeit allgemein üblichen Bestattungsformen sind immer noch die Feuer- und Erdbestattungen im Sarg. Die Verwendung von Leichentüchern lediglich aus Kostengründen stellt damit eine Herabwürdigung dar, sofern diese Handhabung nicht dem Willen des Verstorbenen entspricht. Dies ist wohl auch dann der Fall, wenn es dem Willen der Angehörigen entspräche.

Hygiene

Findet die Bestattung später als 24 Stunden nach dem Todesfall statt, können bereits Körperflüssigkeiten freigesetzt werden. Dies wird aus hygienischen und insbesondere auch ästhetischen Gründen für problematisch gehalten und deshalb sollten für den Transport im Falle einer Beerdigung nach mehr als 24 Stunden feste, geschlossene Behältnisse verwandt werden. Aus hygienischer Sicht ist unerheblich, ob der Leichnam im Grab selbst nur in Tücher gehüllt ist oder z.B. in einem Sarg liegt. Damit steht fest, dass hygienische Gründe einer sarglosen Beisetzung (das Verbringen des Leichnams in die Erde) nicht entgegen stehen. Es sollte nur dafür Sorge getragen werden, dass entweder eine sehr zügige Bestattung ermöglicht wird, oder aber beim späteren Transport der Austritt der Körperflüssigkeiten verhindert (durch Kühlung/ thanatologische Behandlung) bzw. berücksichtigt wird (mit Hilfe eines dichten Behältnisses/ Transportsarges, der auch wieder verwendbar sein kann).

Bessere Verwesung

Es wird immer wieder behauptet, dass der Sarg durch die um den Leichnam geschaffene Lufthülle zu einer besseren Verwesung und damit zur Verhinderung von Fettwachsleichen führt. Wahr ist daran, dass grundsätzlich zur Verwesung Sauerstoff benötigt wird. Andererseits wird jedoch genau das Gegenteil vertreten, nämlich, dass der unmittelbare Kontakt der Erde (und der darin enthaltenen Organismen) mit dem Leichnam eine Verwesung beschleunigt. Wissenschaftlich belegt ist keine der Ansichten.8 Aus den Ausführungen in der Studie lässt sich entnehmen, dass die Verwesung in zwei bis drei verschieden Phasen abläuft. Wesentlich für die Verwesung sind insbesondere die Bodenverhältnisse. Unstreitig dürfte darüber hinaus sein, dass Särge auch zu einer Verwesungshemmung führen können. Gerade hochwertige Särge, deren Holz sich nur langsam auflöst und die den Leichnam luftdicht einschließen, wie z.B. auch lackierte Särge, haben in vielen Fällen die Verwesung erschwert. Es ist daher davon auszugehen, dass es insbesondere von den konkreten örtlichen Gegebenheiten und auch der Art des Sarges abhängt, ob eine Verwesung besser in einem Leichentuch oder in einem Sarg stattfindet. In keinem Fall ist jedoch wissenschaftlich belegt, dass die Verwendung von Leichentüchern häufiger zu einer Wachsleichenbildung führen.

Fußnoten

  1. Zentralinstitut für Sepulkralkultur (Hrsg.): Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur: Wörterbuch zur Sepulkralkultur. Teilband III Frankfurt: Fachhochschulverlag, 2010. - ISBN 978-3-940087-67-6 - S. 373
  2. wie vor
  3. Menzel, Matthias; Hamacher, Claus: Bestattungsgesetz Nordrhein-Westfalen:Kommentar.Wiesbaden: Kommunal- und Schul-verlag, 2.Auflage 2010. - ISBN 978-3-8293-0864-2 - S. 108f
  4. Spranger, Tade Matthias: Bestattungsgesetz Nordrhein-Westfalen. Stuttgart: Richard Boorberg Verlag, 1. Auflage 2003. - ISBN 3-415-03023-7 - S. 160
  5. Pieroth, Bodo/Schlink, Bernhard: Grundrechte Staatsrecht II. Heidelberg: C.F. Müller Verlag, 20. Auflage 2004. - ISBN 3-8114-9018-4 - S. 82
  6. wie vor
  7. Bundesverfassungsgericht (2 BvR 2029/01), Urteil vom 05.02.2004 [1], Rn 71ff m.w.N.
  8. Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (Hrsg.):Bodenkundliche und Umweltprobleme auf Friedhöfen in Deutschland. 2004, S. 30