Anonym

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Anonymes Rasengrabfeld für Urnen auf dem Bonner Nordfriedhof

Bei der anonymen Beisetzung wird die Asche der Verstorbenen ohne Kennzeichnung einer individuellen Grabstelle beigesetzt. Meistens geschieht das auf Rasenfeldern, vermehrt auch in Urnengemeinschaftsanlagen. Auch Seebestattungen werden meist anonym durchgeführt. Anonyme Körperbestattungen sind eine seltene Ausnahme.

Angehörige können bei der Beisetzung gewöhnlich nicht anwesend sein und erfahren später auch nicht den genauen Platz der Urne auf einem anonymen Gräberfeld. Die anonyme Beisetzung ist die günstigste Art der Beisetzung, weil Grabmal und Grabpflege entfallen. Darüber hinaus bewegen sich die fälligen Friedhofsgebühren im Vergleich zu herkömmlichen Grabarten im unteren Bereich der Gebührenskala1.

Zahlen

Insgesamt hat die anonyme Beisetzung in Deutschland schätzungsweise einen Anteil von 20 bis 25 Prozent. Sie ist jedoch nicht in allen Gebieten Deutschlands gleichermaßen verbreitet. Während es in den eher katholisch geprägten Bundesländern noch häufiger eine traditionelle Erdbestattungs- und Grabpflegekultur gibt, ist in Norddeutschland die anonyme Beisetzung häufiger zu finden. Weit verbreitet sind anonyme Beisetzungen besonders auch in den neuen Bundesländern und in Großstädten. In Berlin zum Beispiel finden 40 Prozent der Beisetzungen anonym statt.

Nach einer Studie der Universität Leipzig unter der Leitung von Nicole Sachmerda-Schulz aus dem Jahr 2010 lag der Anteil anonymer Beisetzungen in Deutschland 2009 bei 28 Prozent und 1999 noch bei 23 Prozent. Es flossen allerdings nur Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnern in die Studie ein (88 von 293 angeschriebenen Verwaltungen hatten ihre Zahlen angegeben). In den Ergebnissen zeigte sich ein deutliches Ost-West-Gefälle. 2009 wurden nach der Studie in Ostdeutschland 46 Prozent (1999: 36 Prozent) der Verstorbenen ohne namentliche Kennzeichnung beigesetzt, in Westdeutschland 18 Prozent (1999: 15 Prozent). Innerhalb der alten Bundesländer besteht ein Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden. In Niedersachsen mit 32 Prozent (1999: 22 Prozent), Bremen mit 29 Prozent (1999: 22 Prozent) und Nordrhein-Westfalen mit 29 Prozent (1999: 20 Prozent) ergaben sich hier die höchsten Werte. Im überwiegend katholischen Bayern waren es nur 13 Prozent (1999: fünf Prozent), in Baden-Württemberg sieben Prozent (1999: sechs Prozent).

In einer anderen Studie2 (Internetumfrage, 228 von 400 angeschriebenen Friedhofsträgern haben geantwortet, 178 Städte aus Westdeutschland, 50 aus Ostdeutschland sind eingeflossen, damit jeweils ungefähr 240.000 Bestattungen) wurden folgende Zahlen ermittelt:

  • 1999: 20 Prozent
  • 2004: 22 Prozent
  • 2009: 22 Prozent

Die Studie kommt darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass in vielen Großstädten bei den anonymen Beisetzungen seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts bereits eine Art "Sättigung" eingetreten ist, teilweise ist die Zahl in den letzten Jahren sogar zurückgegangen. In kleineren Kommunen, in denen der Anteil im Durchschnitt meistens noch niedriger liegt, ist einer weiterer Anstieg häufig noch zu beobachten.

Gründe

Die Gründe für die Entscheidung für eine anonyme Beisetzung sind vielfältig: unter anderem das Fehlen oder die Abkehr von der christlichen Tradition, die zunehmende gesellschaftliche Migration, die Folgen des demographischen Wandels oder auch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Betroffenen. Durch die Verbreitung von Bestattungsvorsorge ist zudem ein neuer Grund aufgetaucht: Viele Menschen möchten ihren Angehörigen eine jahrelange und aufwändige Grabpflege ersparen3. Andere finden auf dem Friedhof nicht den passenden Bestattungsort und wählen das anonyme Grab als eine Art von Protest.

Kritik

Nach anonymen Beisetzungen kommt es vor, dass Angehörige das Fehlen einer persönlichen Grabstätte realisieren und damit die Möglichkeit vermissen, den Verstorbenen zu besuchen. Auch lehnen die beiden großen Kirchen anonyme Beisetzungen ab und legen ihren Mitgliedern eine Beisetzungen mit namentlich gekennzeichnetem Grab nahe. Die Verbreitung von anonymen Bestattungen wird häufig als „Entsorgungsmentalität" kritisiert. 4

Fußnoten

  1. Happe, Barbara/Jetschke, Gottfried/Schulmann, Tobias: Entwicklung der Häufigkeit von Urnenbestattungen und anonymen Bestattungen in Deutschland von 1999 bis 2009, in: "Sociologia Internationalis", Heft 2, 2011.
  2. Bund der Steuerzahler, Aeternitas (Hrsg.): Friedhofsgebühren 2011. Erhebung in niedersächsischen und bremischen Städten. Online-Fassung: http://www.aeternitas.de/inhalt/publikationen/sammlung/fachliteratur/2002_11_12__11_52_47/studie.pdf
  3. Cordes, Sven Friedrich: Bestattungsvorsorge: Gründe für die Wahl anonymer Bestattungen (Online-Fassung: http://www.hannover-bestattung.de/wissen-und-erfahrung/grunde-fur-die-wahl-anonymer-bestattungen#more-554) aus: ders.: „Ich will ja niemandem zur Last fallen!“ Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Ökonomisierung im Bestattungswesen. GRIN Verlag GmbH, München 2012.
  4. Gernig, Kerstin (Hrsg.): Verarmt, verscharrt, vergessen? Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes, Düsseldorf 2008